Midgard-Haus

36. Das Midgard-Haus in Tutzing

Die Löwen vor dem Midgard-Haus in Tutzing
Die Geschichte des Midgard-Hauses
Südlich des Garatshausener Schlosses, heute bereits auf Tutzinger Terrain, ließ Graf Theodor von Viereck im Jahre 1853 eine Villa im Stil eines italienischen Landhauses auf einer Landzunge am Starnberger See erbauen. Der Belvedereturm und die Betonung der Mittelachse auf der Villensüdseite erinnert zweifellos an die Architektur der Toscana.

Etwa ab 1864 wurde die kleine Villa im toscanischen Stil sechs Jahre lang für den bayerischen Schriftsteller Maximilian Schmidt (1832 - 1919) zum Domizil. »Waldschmidt«, der sich um die Bewahrung der Starnberger Seetraditionen verdient gemacht hat, sah in seiner Villa Gäste wie Kaiserin Elisabeth, König Ludwig II. und vermietete die Räumlichkeit vorübergehend auch an das entthronte Königspaar Franz II. und Marie von Neapel. Vermutlich in den Jahren 1864 / 1870 beauftragte Maximilian Schmidt den Münchener Hofgartendirektor und Schöpfer der Parkanlagen von Linderhof und Herrenchiemsee Carl von Effner, der Villa ein parkähnliches Umfeld zu schaffen, früher als Tutzinger Seepark, heute als Bagnères-de-Bigarre-Park bekannt. Carl von Effner war darüber hinaus im benachbarten Feldafing bis 1863 damit beschäftigt, die dortigen ausgedehnten Parkanlagen nach den Plänen seines preußischen Lehrmeisters, Peter Joseph Lenné, zu verwirklichen. Auf Anregung König Ludwig II. hat Maximilian Schmidt viele Geschichten, Romane und Theaterstücke aus dem oberbayrischen Milieu verfaßt, wie »Himmelbrand«, »Die Fischerrosl von St. Heinrich«, »Leonhardsritt« und »Der Musikant von Tegernsee«, in denen überwiegend die malerische Landschaft des Starnberger Sees bildhaft beschrieben wurde. Der Märchenkönig Ludwig II. hat im Jahre 1884, zwei Jahre vor seinem geheimnisumwitterten Tod, den beliebten Dichter zum Hofrat ernannt. Übrigens, »Waldschmidt« ist kein Spitzname, sondern fast eine Art Adelstitel, verliehen am 12. Juli 1898 vom Prinzregenten Leupold, der in einer Urkunde bescheinigt, daß »der königliche Hofrat und dessen Ehefrau Auguste sowie die Nachkommen aus der Ehe dieser Beiden der Rechte Dritter unbeschadet zu den Familiennamen Schmidt den Zusatz genannt Waldschmidt anzunehmen und fortan führen« dürfen. Maximilian Schmidt, genannt Waldschmidt, verstarb im Jahre 1919 in München.

Im Jahre 1870 hatte neue Besitzer Simon Ferber zwei mächtige Löwen anlegen lassen, die heute noch das Ufer zieren. Sie sollen vom ehemaligen Raddampfer »Maximilian« stammen. Ferber vergrößerte mit Loggien die Villa und legte eine seewärts führende Freitreppe an.

Seit 1882 gehört die Villa dem Ägyptologen Professor Georg Ebers, auch »Papyrus-Ebers« genannt, und war gemeinhin als »Ebers-Villa« bekannt. Der Ägyptologe wurde durch den Fund der Papyrus-Rollen berühmt. Im Jahre 1872 hatte er sie von einer seiner Forschungsreisen mitgebracht. Zum Entziffern der Hieroglyphen zog sich der gebürtige Berliner auf seinen Tutzinger Sommersitz zurück. Er entdeckte, daß es sich um ein vollständiges Nachschlagewerk altägyptischer Medizin handelte. Den Stoff seiner Studienreisen verarbeitete er in seinen historischen Romanen, die in fünfzehn gängige Sprachen übersetzt wurden. Der Roman »Eine äyptische Königstochter« machte ihn seinerzeit bekannt. Für die Münchner Malerfürsten wurde die Villa während der Ebers-Zeit zum geselligen Treffpunkt. Auch die Schriftstellerin Ina Seidel (1885 - 1974), Enkelin von Georg Ebers, verbrachte hier einige ihrer Jugendjahre. Georg Ebers starb 1898 in Tutzing. Noch heute gibt es den Ebersweg, der, in der Nähe des Midgard-Hauses beginnend, durch den Tutzinger Bagnères-de-Bigarre-Park dem Seeufer entlang in Richtung Hans-Albers-Haus führt. Ina Seidel verlobte sich 1905 mit ihrem Vetter, Wolfgang Seidel, den sie 1907 heiratete. Der als Pfarrer tätige Wolfgang Seidel war Sohn des Schriftstellers Heinrich Seidel, der das Werk »Leberecht Hühnchen« schrieb. Ina Seidel wurde durch ihren Roman »Das Wunschkind« berühmt.

Im Jahre 1903 zog der Fabrikant und Chemiker Dr. Hermann Scholl als neuer Besitzer in die Ebersvilla ein, der einige Renovierungen vornahm und ein Glashaus errichtern ließ.

Im Jahre 1922 kaufte der Aachener Tuchfabrikant August Ferber die Villa mit südländischem Reiz, der mit seiner Frau Simone einige Jahre hier verbrachte.

Um 1930 mietete sich ins Mitgard-Haus einer der bekannten Dramatiker des Expressionismus, Georg Kaiser (1878 - 1945) ein. Er mußte im Dritten Reich vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen.

Im Laufe der Jahre wurde die Fassadengliederung des Haues vereinfacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Villa Gemeinbesitz und drohte zu verfallen. Eine Bürgeriniative hat sie 1976 vor dem Abbruch bewahrt.

Im Jahre 1985 erwarben Marlies und Fritz Häring das Midgard-Haus, das seitdem als nobles Restaurant mit Sommerterrasse genutzt wird. Zu den Dauergästen der Wirtschaft »Zum Häring« gehörte der bekannte Filmschauspieler Heinz Rühmann, der in drei unvergesslichen Filmen der Partner von Hans Albers war. In nahezu regelmäßigen Abständen besuchte Heinz Rühmann mit seiner Frau Hertha das Restaurant. Die Familie Rühmann verbrachte ihren Lebensabend in der Ortschaft Berg, am Ostufer des Starnberger Sees. Heinz Rühmanns Lieblingsplatz war ein ruhiger Ecktisch am Fenster, der heute noch "Heinz-Rühmann-Tisch" genannt wird. Neben dem Restaurant befindet sich auch der bekannte und beliebte Tutzinger Biergarten, der zu den schönsten Biergarten Oberbayerns zählt.

Im Jahre 2005 erschien im Südost-Verlag das Buch »Wirtschaft Zum Häring - Midgardhaus« von Ingeborg Pils.

Die Löwen vor dem Midgard-Haus in Tutzing (April 2012)
Die Löwen vor dem Midgard-Haus in Tutzing (September 2003)
Die Löwen vor dem Midgard-Haus in Tutzing (Juni 1999)
Vor dem Midgard-Haus (März 2001) Eingang zum Tutzinger Biergarten (Mai 2001)
Midgard-Haus (Mai 2001)
Midgard-Haus Strandterrasse (April 2002)
Terrasse vor dem Midgard-Haus (Juni 2004) Terrasse vor dem Midgard-Haus (Juni 2004)
Strandweg vor dem Midgard-Haus (September 2003) Terrasse vor dem Midgard-Haus in Tutzing (August 2000)
Strandweg vor dem Midgard-Haus (Mai 2001) Strandweg vor dem Midgard-Haus (wahrscheinlich Frühjahr 2002)
Vor dem Midgard-Haus (Juli 2001) Seeuferweg vor der Terrasse des Midgard-Hauses (Juli 2001)
Das Midgard-Haus mit Seeterrasse (September 2004)
Das Midgard-Haus im Tutzinger Seepark (September 2004)
Interessante Links in die Umgebung
Midgard-Haus am Starnberger See

Wirtschaft Zum Häring (Midgard-Haus / Tutzinger Biergarten)

Tutzing - Pfarrkirche St. Joseph

Tutzing Online

zur vorherigen Seite zurück zur Hauptseite »GARATSHAUSEN« zur nächsten Seite zurück zum Seitenanfang unbelegt Hauptmenü Manfred Wirth Homepage Manfred Wirth Kontaktadresse Email

© Manfred Wirth 26.09.1998

zur Hauptseite »GARATSHAUSEN« Letzte Aktualisierung: 21.02.2014 20:55:33